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Eva Stiegler-Eisenzapf: Offene Wunden
Art.Nr.: 9783705902145
Grenzlanderfahrungen aus den Jahren 1945/1946 im Sudetenland.

Unsere Familie stammt aus dem Sudetenland, aus dem kleinen Grenzstädtchen Schluckenau im äußersten Zipfel Nordböhmens, an der Grenze zu Sachsen. Diesen Bezugspunkt haben wir 1946 verloren. Was dies bedeutet, wissen alle Vertriebenen dieser Welt. Nach meinem Abschied von Schluckenau konnte ich ungeachtet vieler Mühen ein geordnetes und friedliches Leben führen, mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Im Alter fand ich Zeit, alte Briefe zu lesen, und damit ist alles Vergangene wieder grell lebendig geworden. Diese in erschreckender Bildhaftigkeit dastehenden Erinnerungsblöcke wollte ich niederschreiben. Das politische Geschehen der Dreißigerjahre und die Kriegserfahrungen in Berlin überschatteten meine Jugend. Unsere Putzfrau, die Baptistin war und schon in den Dreißigerjahren immer Angst gehabt hatte, ob ihr Mann, ein Straßenbahnschaffner, heil heimkommen würde, wenn er und seine kommunistischen Freunde sich mit den Schlägertrupps nationalsozialistischer Parteimitglieder Prügelein in den Straßen lieferten, hatte beim Mittagessen erzählt, dass aus Bethel, einer Anstalt für geistig und schwer körperlich behinderte Kinder, vermehrt Todesnachrichten kamen, und es wurde sofort Verdacht gehegt, dass diese Todesfälle nicht auf natürlichem Wege erfolgten. Ich hatte die Sorge und das Entsetzen meiner Eltern miterlebt, als in Berlin die Judenverfolgungen begannen. Mit sechzehn Jahren hatte ich als Schockerlebnis erfahren, dass man jüdische Mitbürger gezielt umbrachte. Ganz unmittelbar erlebte ich das Unglück der einzelnen Menschen, als ich als Medizinstudentin meinen Kriegsdienst im Krankenhaus von Schluckenau machen und dann dort bleiben durfte. Die Spitalsmauern und die Schwesterntracht waren mir Schutz, aber das Geschehen außerhalb zeigte sich in den Patientenschicksalen. Jedes als solches spiegelte die Katastrophe des Krieges und das Chaos des Kriegsendes wieder. Man kann sagen, ich sei nicht betroffen gewesen. Denn der Verlust an Vermögen, an dem ich vielleicht einmal als Erbin hätte teilhaben können, das wog nicht gegen das Schicksal derer, die ihr Leben in Vernichtungsschlachten ließen, wo einstürzende Häuser Familien auslöschten, Kleinkinder in Flüchtlingsströmen verloren wurden und von Haus und Hof Vertriebene auf fremden Äckern stehlen gingen, um zu überleben.

Taschenbuch mit 119 Seiten und wenigen Abbildungen.
Neubuch aus dem H. Weishaupt Verlag Graz, 2004, 1. Auflage.

Gewicht: 180 Gramm
12,00 EUR
incl. 7 % UST zzgl.
Eva Stiegler-Eisenzapf: Offene Wunden

Eva Stiegler-Eisenzapf: Offene Wunden





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Diesen Artikel haben wir am Sonntag, 11. Oktober 2009 in unseren Katalog aufgenommen.
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